PASSE-AVANT
Bad News, Fake News and How to Make a Porn
Über die Frankfurter Hauptschule und die Re-Annexion linker Aktionsformen
Wiesbaden Biennale
03–09–2018
Frankfurter Hauptschule, DER GROSSE AUSTAUSCH, 2018, film still. Courtesy: Frankfurter Hauptschule

Samstag, 21.30 Uhr: Etwa 150 Personen haben sich auf dem Faulbrunnenplatz, unweit des Festival-Zentrums der Wiesbaden Biennale 2018, versammelt. Es ist bereits dunkel und nur zwei grelle Lichtquellen durchbrechen die diffuse Beleuchtung der Umgebung: Die blauen Neon-Lettern mit dem Schriftzug „Ihre Wiesbadener Volksbank.“ greifen mimetisch das Blaulicht des davor geparkten Polizei-Wagens auf. Einige Beamte haben sich mit skeptischem Gestus neben dem Fahrzeug platziert. Ihre Blicke richten sich, wie die aller anderen Anwesenden, auf die Mitte des überschaubaren Areals. Hier ist ein Beamer aufgestellt, der eine weiße, knittrige Plastikplane bespielt. Sie ist vor den dunkelroten Lagercontainer gespannt, der in den vergangenen Tagen zum Schauplatz einer verworrenen Kunst-Inszenierung wurde. Die Opazität des zur Leinwand umfunktionierten Materials lässt einen Blick auf die darunter liegende Bemalung zu. Vage erkennt man das Zeichen der Identitären Bewegung (IB). Doch fehlt hier eine Komponente des, üblicherweise in Gelb auf schwarzen Grund gestalteten, Symbols. Der griechische Buchstabe Lambda, einem Dreieck ähnlich, ist durch zwei explizit phallische und aufeinander zulaufende Motive ersetzt. Grobe Druckbuchstaben, welche die restliche Fläche des Containers einnehmen, erlauben eine Mutmaßung, wer für diese Aktion verantwortlich ist: die Frankfurter Hauptschule (FHS).

Das KünstlerInnen-Kollektiv gründete sich 2013 und genießt seither eine breite mediale Aufmerksamkeit durch polarisierende, teils verstörende Aktionen. Zu Beginn diesen Jahres erregte die FHS Aufsehen mit einem ausgebrannten Polizei-Wagen, der erst in der Taunusstraße des Frankfurter Bahnhofsviertels, anschließend (im Rahmen des diesjährigen Städel-Rundgangs) auf dem Parkplatz der Kunsthochschule abgestellt war. Das symbolträchtige Fahrzeug lässt sich jedoch nicht singulär, sondern als ein Teil des Kunstwerks Visionäre Ruinen. 242 Titel besser als Martin Kippenberger verstehen. Dieses besteht aus einer Videoinstallation, die sich aus Szenen nächtlicher Exzesse, der Inbrandsetzung des Fahrzeugs und theatralischen Monologen in Brecht’scher Manier zusammensetzte. Die filmischen Fragmente ergänzten (wie es bereits der Titel vermuten lässt) 242 Aphorismen, die rhythmisch fortlaufend und in pinkfarbener Frakturschrift eingeblendet wurden.

Frankfurter Hauptschule, 242 TITEL BESSER ALS MARTIN KIPPENBERGER, film still. Courtesy: Frankfurter Hauptschule
Frankfurter Hauptschule, 242 TITEL BESSER ALS MARTIN KIPPENBERGER, film still. Courtesy: Frankfurter Hauptschule

Auch der publike Diskurs ist dem Werkcharakter immanent eingeschrieben. Das Kollektiv arbeitet bewusst multimedial und unter Einbeziehung der öffentlichen Berichtinstanzen, sowie Social Media. Auf den Medienkanälen der Gruppe lassen sich immer wieder Video-Beiträge und Statements zu ihren Aktionen finden. Aber auch die Rezeption, sei es in Form von Kommentarspalten auf Facebook oder durch die Presse, wird seitens des Kollektivs aufmerksam verfolgt; öffentliche Medienformate teilweise sogar manipuliert. So fälschte die Gruppe beispielsweise den Internetauftritt des MoMa PS 1 in New York und kündigte dort als Teil der VW Sunday Sessions die, vermeintlich in den Ausstellungsräumen der renommierten Kunstinstitution stattfindende, Performance Bruce Wayne an. Das Museum negierte den Sachverhalt, die lokalen Zeitungen empörten sich und was sich als Ankündigung der Performance tarnte, wurde unter dem Titel Researching Bruce Wayne in Form einer Videocollage, auf dem Festival der jungen Talente 2018 im Frankfurter Kunstverein, gemeinsam mit einer Installation aus ALDI-Einkaufstauschen in Vitrinen, ausgestellt.

Aus dem vorab veröffentlichten Programm ließ sich entnehmen, dass auch für die Wiesbaden Biennale 2018 eine Partizipation der Frankfurter Hauptschule geplant war. Unter dem Titel After Aua wurde eine Performance der Gruppe für den 1. September beworben. Doch bereits im Vorfeld schaukelte sich die Medienpräsenz um die FHS abermals hoch. Als wäre es auf das Motto der diesjährigen Biennale abgestimmt, kursierten bad news, die eine Aktion von Rechtspopulisten der IB zum Thema machten. Im Zentrum des Geschehens stand der vandalisierte Info-Container des ebenfalls im Rahmen der Biennale eingerichteten Migrantenstadls in der Wartburg, einer externen Spielstätte des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Der Migrantenstadl veranstaltete die komplette Woche über Talks zu den Themen Antirassismus und Interkulturalität.

Frankfurter Hauptschule, Refugee in Paradies (R.I.P), umgestalteter Info-Container. Courtesy and photograph: Frankfurter Hauptschule
Frankfurter Hauptschule, Refugee in Paradies (R.I.P), umgestalteter Info-Container. Courtesy and photograph: Frankfurter Hauptschule

Den Auftakt der enigmatischen Aktion bildete nun ein Videoclip, der am 27. August auf YouTube erschien. Veröffentlicht über den Kanal Identitäre Wiesbaden, bekennt sich eine Gruppe junger Menschen zu der Umgestaltung des Containers und schildert im gleichen Zuge die Idee dahinter. Das Video mit einer Länge von knapp zweieinhalb Minuten beginnt mit einer Luftaufnahme Wiesbadens und geht über in eine Frontalansicht der Wartburg. Gleichzeitig verblasst das gelbe Logo der Identitären Bewegung, das zuvor mittig im Bild platziert ist. Aus dem Off hört man eine männliche Stimme, die das Konzept der Wiesbaden Biennale 2018 kritisiert. Folgt man dem Erzähler, so werbe diese „mit eindeutigen Parolen, für die weitere Überfremdung unseres Landes für den systematischen, großen Austausch unserer Bevölkerung“. „Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit“, so fährt er fort, verhöhne diese „Propaganda-Show [...] die wahren Opfer dieses längst gescheiterten Multikulti-Projekts“, während weitere Aufnahmen von Ausstellungsorten der Biennale zu sehen sind. Im weiteren Verlauf des kurzen Films, der ästhetisch und inhaltlich stark an Promo-Videos der IB erinnert, sieht man wie sich eine Gruppe von vier Personen, ausgerüstet mit Malutensilien, auf den Info-Point des Migrantenstadls zubewegt. Die folgenden Sequenzen zeigen die Transformation des Containers durch die AktivistInnen. Gewaltsam entfernen sie den Banner der Wiesbaden Biennale. Der Innenraum wird mit der romantisch anmutenden, wandflächengroßen Fotografie einer Berglandschaft tapeziert. In dieser künstlichen Alpenidylle platzieren sie zwei Stühle im Wiener Caféhaus-Stil und einen Tisch, darauf einen Strauß roter Rosen. An der Außenfassade bringen sie ein Graffiti mit dem Schriftzug Refugee in Paradies an, ebenso wie das Symbol der IB, umrahmt von gelben Sonnenstrahlen. Zuletzt montiert die Gruppe eine Fahne (ebenfalls mit dem Logo der Identitären Bewegung) und ein Schild an die vordere Öffnung des Containers. Ein weiteres Schild wird an der hinteren Öffnung befestigt. Schwarz auf Weiß liest man nun in der Gegenüberstellung „Ausländer rein“ und „Deutsche raus.“ Während dieses visuellen Aneignungsprozesses erklärt die Stimme aus dem Off das aktivistische Vorhaben, mit dem die Gruppe der Aufforderung der Wiesbaden Biennale nachkäme, „die Stadt künstlerisch mitzugestalten“. Sie wolle damit „den scheinheiligen Multikulti-Träumen von Politik, Kulturbetrieb und Medien den Spiegel [vorhalten]“. In Anlehnung an Christoph Schlingensiefs Aktion Ausländer raus! Schlingensiefs Container, die sich im Jahr 2000 im Rahmen der Wiener Festwoche ereignete, solle der Container für den übrigen Zeitraum der Biennale genutzt werden, um durch speed dating zwischen „Deutschen und Ausländern“ den zynisch rezitierten „großen Austausch“ zu beschleunigen.

Frankfurter Hauptschule, DER GROSSE AUSTAUSCH, film still. Courtesy: Frankfurter Hauptschule
Frankfurter Hauptschule, DER GROSSE AUSTAUSCH, film still. Courtesy: Frankfurter Hauptschule

Die Identitäre Bewegung, die eine Gruppierung innerhalb der Neuen Rechten darstellt, vertritt eine vorwiegend antiislamische und ethnopluralistische Ideologie. Diese ist maßgeblich von der vehementen Ablehnung jeglicher Form von Multikulturalismus bestimmt. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der sich bereits seit längerer Zeit mit den Ausdrucksformen der IB auseinandersetzt, weist darauf hin, dass ihre Inhalte, wie auch ihre ästhetischen Vorstellungen stark an die völkische Philosophie Martin Heideggers angelehnt sind. Darüber hinaus bildet der Politaktivismus eine ihrer Kernstrategien. Dabei verfolgt die IB nicht nur das Ziel weitere SympathisantInnen für ihren Protest zu werben, sondern verbindet den Widerstandsgedanken der Aktion mit einer Sentimentalität an das Verlorengegangene, das Wiederherzubringende – das dann im Sinne der Identitären Tradition und „Rassenordnung“ stünde. Als eine Art „heilsamer Schock“, wie Ullrich es formuliert, soll der Öffentlichkeit, beispielsweise durch Aktionen, wie der Verhüllung einer Statue der Kaiserin Maria Theresia in Wien mit einer Burka, das drohende Feindbild vorgeführt werden. Die IB zielt darauf ab, dass dadurch vermeintlich kulturelle Missstände und die prekäre Position der „Einheimischen“ erkannt werden.[1] Die Aktionen der Identitären Bewegung tragen sich fast ausschließlich im öffentlichen Raum zu. Weitere Aktionen der IB waren der Versuch, das Bundesjustizministerium in Berlin zu stürmen, und das Vermauern einer Eingangstür der Parteizentrale der Partei Die Grünen Österreich.[2]

Vermochte es nun schon die Schlussfolgerung der IB im Videoclip vom 27. August –„den großen Austausch“ zu beschleunigen – manche zur Verwunderung zu führen, sollte sich die Irrung keinesfalls bald auflösen. Stattdessen folgte am Donnerstag, den 30. August, eine Videobotschaft der Frankfurter Hauptschule mit dem Titel „FHS vs. IB“ über Facebook und Instagram.

Das dreiminütige Video erscheint in seiner Gestaltung weit unprätentiöser als das Vorangegangene. In split screen-Sequenzen, die aus Handyaufnahmen bestehen, sieht man Beteiligte der FHS, die sich selbst und einander filmen. Dabei berichten sie über den von Rechtspopulisten verunstalteten Container des Migrantenstadls. Unterbrochen wird das gegenseitige Abfilmen durch einen kurzen Ausschnitt des Schlingensief Films Terror 2000. Ein Mann streckt sich aus dem geöffneten Dachfenster eines fahrenden Autos um einen Hitlergruß zu machen. Audiovisuell wird die Szene von dem Ausruf „Die Nazis kommen“ begleitet. Der Satz ist in gelben Kapitalbuchstaben vor das Filmbild geblendet. Anschließend werden Szenen aus dem drei Tage zuvor veröffentlichten Video der Identitären Wiesbaden gezeigt. Mit dem Aufhänger „großer Austausch zum Anfassen“ bekunden die FHS-Mitglieder, dass sie die geplante Aktion der IB begrüßen. Den Umstand, dass die AktivistInnen nun nicht mehr vor Ort sind, nehme die FHS daher zum Anlass die Aktion stellvertretend für sie durchzuführen. Daraufhin erklärt die Frankfurter Hauptschule, dass sie statt speed dating einen „Interracial Gay Porn“ mit dem Titel Der große Ausstausch in dem Container drehen wolle. Die Beteiligten laden daraufhin ein, sich das Ergebnis am Samstag auf dem Faulbrunnenplatz anzusehen und rufen mixed couples dazu auf, unter dem Hashtag #dergrosseaustausch Fotos von intimen und sexuellen Gesten auf Social Media-Kanälen zu teilen.Bereits im Vorfeld vermuteten einige Pressestimmen, dass es sich bei der gesamten Aktion um eine Inszenierung der Frankfurter Hauptschule handele. Die Sprecherin der Wiesbaden Biennale bezog dazu allerdings nur bedingt Stellung, sodass bis zum Samstag Abend unklar war, was das Publikum erwarten würde.

Frankfurter Hauptschule, Refugee in Paradies (R.I.P), umgestalteter Info-Container. Courtesy and photograph: Frankfurter Hauptschule

Nachdem augenscheinlich einige Mitglieder der FHS letzte Änderungen an der Position des Beamers vornehmen und sich in einer Gruppe von etwa zehn Personen am Rande des Containers aufstellen, beginnt gegen 21.45 Uhr die Filmvorstellung. Sie teilt sich in drei Abschnitte und beträgt in ihrer Gesamtheit weniger als zehn Minuten. In chronologischer Reihenfolge wird dem Publikum zuerst das, dem Anschein nach, von der Identitären Wiesbaden verbreitete Video, darauffolgend die Reaktion der FHS, vorgeführt. Nach einer kurzen Pause vernimmt man mit ansteigendem Volumen das Lied Ave Maria und auf der Plastikplane bilden sich portraithaft vier Männer ab. Zwei von Ihnen sind sitzend dargestellt. An einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift „Frankfurter Hauptschule“ lässt sich erkennen, dass es sich bei diesem Mann um ein Mitglied der FHS handelt, der bereits in der vorangegangenen Videobotschaft zu sehen war. Ein weiterer Mann in rosafarbenem Hemd sitzt neben ihm. Hinter ihnen stehen zwei Männer, deren hellbraune Hemden an SA-Uniformen erinnern. Der Bildausschnitt gibt nur den Blick auf ihre Oberkörper preis. Auf der Armbinde des einen ist deutlich ein Hakenkreuz auszumachen. Die Hand dieses Mannes ruht auf der Schulter des Sitzenden im rosa Hemd. Ebenfalls zu sehen ist der Titel des Films in einer gelbfarbenen Serifenschrift zu sehen: Der große Austausch. Langsam zoomt die Kamera zurück, sodass sich ein weiterer Teil der Szenerie offenbart. Die beiden in SA-Uniformen gekleideten Männer, waren bereits in dem nun als fake entlarvten Clip der Identitären Wiesbaden zu sehen. Es folgen Szenen inniger Küsse der Männer untereinander, auch Andeutungen sexueller Akte. Explizit wird es trotz Nacktheit jedoch an keiner Stelle. Abbildungen eines Phallus zeigen sich lediglich in der Hinzunahme von sextoys. Das sinnliche bis humorvolle Liebesspiel endet mit dem Onanieren zweier Männer auf Gesicht und Oberkörper des in Uniform gekleideten, blonden Mannes. Das letzte Bild des Films gestaltet sich als ein Stillleben bestehend aus der drapierten Fahne der Identitären Bewegung, der Armbinde mit Hakenkreuz und einem zerstörten Strauß rote Rosen. Das Arrangement wird mit einer Substanz bedeckt, die eine Assoziation mit männlichem Ejakulat zulässt. Erneut beginnt der Video-Loop mit dem Clip der Umgestaltung des Containers, der nun zweifellos als Teil der Gesamtdramaturgie der Frankfurter Hauptschule bestimmt werden kann.

Im persönlichen Gespräch mit einem Mitglied der Frankfurter Hauptschule wird deutlich welche Intentionen die Gruppe mit der Inszenierung verfolgte. Das Event auf dem Faulbrunnenplatz diente der Auflösung der zuvor evozierten fake news um die Vandalisierung des Info-Containers durch Rechtspopulisten. Das Zusammenführen der Videos sollte ihren Zusammenhang offenlegen. Ebenfalls habe sich die Gruppe mit ihrem Vorhaben explizit auf Schlingensiefs Wiener Container bezogen, der, im Rahmen der „Aktionskunst im deutschsprachigen Raum“, so der Sprecher der FHS, „vielleicht sogar das größte Ding war“. Er beteuert wie absurd es sei ein Schlingensief-Reenactment zu veranstalten, daher habe sich die Gruppe über den Weg einer „Nazi-Reinszenierung“ der Thematik genähert. Und auch das Zitat von Schlingensief, „dass in der Anhäufung von Schwachsinn oft mehr Wahrheit liegt, als in der Anhäufung von Wahrheit“[3], könne man wohl gut auf die Aktionen der Frankfurter Hauptschule übertragen. Die Idee für die Aktion entstand durch gemeinsames brainstorming; anfangs war es noch ein Witz. Nach längerem Überlegen, was auf der Wiesbaden Biennale gezeigt werden sollte, entschied sich die Gruppe dafür einen Porno mit dem Titel Der Große Austausch zu drehen. „Das beinhaltet ja auch etwas Zwangsläufiges, denn die Identitäre Bewegung hat diese Phrase zu ihrem Kern-Slogan überhaupt erklärt“, so das Mitglied des Kollektivs. Die Parole beziehe sich auf die Annahme der IB, dass die Bevölkerung in Deutschland und in anderen europäischen Ländern systematisch „überfremdet“ werde. Er ergänzt:

Was ich eigentlich am besten daran finde, den Porno Der große Austausch zu nennen, ist aber, dass es das Konzept der Identitären genau spiegelt, nämlich sich linke Protest- und Aktionsformen anzueignen. Sich linke Begriffe anzueignen und diese rechts aufzuladen. Unsere Aktion war, wenn man so will, der Versuch Feuer mit Feuer zu bekämpfen.

Frankfurter Hauptschule, VISIONÄRE RUINEN, film still. Courtesy: Frankfurter Hauptschule

Die Stärke zeitgenössischer Kunst sieht er vor allem darin, dass sie es vermag Konflikte zu verhandeln; ohne die Rückbindung an etwas Aktuelles, gesellschaftlich Relevantes, werde sie daher relativ schwach. „Deshalb“, fügt er scherzend hinzu, „bin ich also schon ein bisschen glücklich nicht im Kommunismus zu leben, denn es scheint uns klar zu sein, dass es im Kommunismus nur scheiß Kunst geben wird, weil es einfach keine gesellschaftlichen Konflikte mehr gibt – zumindest nicht in der Stärke, in dieser Krassheit, wie sie heute bestehen“. Die Medien- und Presseinteraktion habe für das Projekt der Wiesbaden Biennale leider weniger gut funktioniert, als bei vorherigen Arbeiten. Auch habe die Aktion nicht explizit etwas mit Wiesbaden zu tun. Es ginge der Gruppe eher darum, etwas umzusetzen, was sie schon länger als vage Idee hatten. „Nämlich eine Nazi-Aktion zu faken und konkret die Identitären, weil die sich ja selbst so ein bisschen mit Aktionskunst hervortun. Das ist uns natürlich ein Dorn im Auge“, erklärt das Mitglied. Darüber hinaus mache das Kollektiv gerne Kunst gegen das Publikum. Der FHS-Sprecher findet sogar „alle Kunst, politische Kunst, die nur dazu dient, dass sich die Leute die sie angucken und die Leute die sie machen, auf der richtigen Seite fühlen und in Kunst nur eine Form von Bestätigung suchen, sehr scheiße und letztlich sehr fragwürdig bis reaktionär“. Er glaubt, für vernünftige politische Kunst müsse man sich die Hände schmutzig machen. Und legt dar, dass die Frankfurter Hauptschule mit der Arbeit für die Wiesbaden Biennale 2018 versucht habe, „Kunst auf Höhe der Zeit, also fake news, post truth und generelle Geschmacklosigkeit“ zu produzieren. Das Gespräch beendet er mit dem Satz: „Wir machen nicht böse Kunst, damit Böses in der Realität nicht mehr passiert, sondern weil es in der Realität passiert“.

Mit der Arbeit für die Wiesbaden Biennale 2018 eignete sich die Frankfurter Hauptschule ein Thema an, das auf mehreren Ebenen von Relevanz ist. Sie stellte nicht nur aus, wie rechte Propaganda in der zeitgenössischen Medienlandschaft funktioniert, sondern unterwarf sie einer Reflexion die dezidiert an eine linke Praxis gebunden ist. Mit der Hommage an Schlingensief griff sie außerdem eine historische Dimension auf, die den Rechtspopulismus im deutschsprachigen Raum in nun fast zwei Jahrzehnten verortet. Mag man vielleicht Schlingensief, wie auch der FHS, mit diesem reproduktiven Vorgehen Zynismus unterstellen, so greift die Arbeit doch reale gesellschaftliche Probleme auf, die es weiterhin und nachdrücklich zu adressieren gilt.

[1] Vgl. Ullrich, Wolfgang: „Die Wiederkehr des Schönen. Über einige unangenehme Begegnungen“ (Vortragsmanuskript), in: POP-ZEITSCHRIFT Online vom 7. November 2017
[2] Siehe hierzu Verena Bogner: „Eine unvollständige Liste der lächerlichsten "Identitären"-Aktionen 2017, in: VICE Online vom 28. Juli 2017
[3] Anke Dürr und Joachim Kronsbein: „Losrasen für Deutschland“, in: Der Spiegel, 11/1998 (Archiv)

Wiesbaden Biennale 2018
23. August – 2. September 2018